Strukturwandel der Öffentlichkeit for real. Ein erster Gedankengang.

was den urbanen Raum in seiner spezifischen Sozialität überhaupt ausmacht, frage ich mich die letzten zwei Monate – ich mein, ehrlich gesagt verstehe ich gerade nicht, warum ich in der Stadt wohne und nicht auf dem Land, jetzt, wo alles weggefallen ist, was für mich Stadt ausmacht: viele Leute treffen können, Protest im öffentlichen Raum, Raves um 4 Uhr früh, kulturelles Überangebot, Bars, das Gewusel an der Uni, Menschen per Zufall begegnen und in ein Gespräch verwickelt werden in einen Flow der über Tage anhalten kann, in ein Restaurant essen gehen, sich verschwörerisch in einer Menschenmasse befinden, Menschen begegnen müssen und lernen, mit der Idee des Fremden abzuschliessen / umzugehen. diese Nähe, diese Enge, diese jederzeit mögliche BeRührung – emotional, körperlich, intellektuell – durch Kultur, Politik und Zufallsbegegnungen.

was geblieben ist, ist die Anonymität, die, so erfahre ich am Küchentischgepräch, auch ein wichtiger Teil ist, weshalb gerade Menschen, die lange “auf dem Land” gewohnt haben, die Stadt so schätzen. Nun hat die Anonymität aber ganz andere Züge angenommen. Sie zeigt sich durch Maskierung, Vermummungsmöglichkeit dem direkten Gegenüber. Der Staat, gleichzeitig, baut seine Möglichkeit zur Überwachung und zur Kontrolle aus. Weiss immer, wo wer ist und wer mit wem welchen Kontakt hat. (genauer gesagt: weiss es noch nicht, aber plant, das zu wissen in nächster Zukunft. welcome China. das ist nicht das, was ich mit Spiel umd Raum meinte. next episode). Die Anonymität der regelgebenden Institution gegenüber sinkt. Die Anonymität den Mitmenschen gegenüber steigt. Was bedeutet das für ein Miteinander? Für eine gemeinsame Emanzipation? Für die Möglichkeit von Spiel? Die Idee des öffentlichen Raumes finden wir von Grund auf auf den Kopf gestellt. Denn im öffentlichen Raum, im städtischen Raum, darf ich mich aktuell nur aus Privatgründen aufhalten: Sport, Weg zur Arbeit, Konsum, maximal ein Spaziergang zu zweit. Jede Versammlung und damit politische Meinungsäusserung bleibt nach wie vor verboten. (zumindest auf Papier. in Realität wird offensichtlich, wer einfach machen kann und auf den Infektionsschutz pfeifen und wer partout nicht zugelassen wird – auch mit Sicherheitsabstand, Mundschutz etc. pp.)

Gleichzeitig hat das Öffentliche durch die Pandemie und die staatlichen Reaktionen darauf noch schneller als es eh schon im Gange war den Weg in die Schlafzimmer gefunden. Also: in meinem privatesten Raum bin ich am Öffentlichsten. Von hier aus halte ich Videokonferenzen ab und verfasse politische Blogbeiträge und Podcasts, hier konsumiere ich Kunst und tausche mich mit anderen darüber aus.

Es fühlt sich an wie eine Verkehrung dessen, was privater und öffentlicher Raum bedeuten. Für den urbanen Raum bedeutet das auch, dass das gesamte Sozialgefüge sich verschiebt, ja, dass das spezifisch Urbane irrelevanter geworden ist. vielleicht führt das ja dazu, dass neu und anders über Städte nachgedacht werden kann. wer braucht sie? wozu?